World Breastfeeding Week – Meine Stillgeschichte

Im Rahmen der diesjährigen World Breastfeeding Week (1. – 7. August 2020), die jährlich in über 120 Länder begangen wird, möchte ich in diesem Beitrag meine „Stillgeschichte“ mit euch teilen. (Side Note: In Österreich findet die Stillwoche erst von 1. bis 7. Oktober 2020 statt)

Hier könnte sie also stehen. Meine Stillgeschichte. Da diese aber sehr kurz ist, fasse ich sie für euch in einem Satz zusammen.

Ich habe Kolostrum gestillt und danach abgestillt.

Ich habe mir gewünscht mindestens 6 Monate voll zu stillen und habe es auch versucht. Leider hat es nicht geklappt. Um es mit den Worten einer Hebamme bei meinem Krankenhausaufenthalt zur Geburt meines ersten Kindes im Jahr 2015 wiederzugeben:

„Ich wollte es zu wenig“ und „Mein Kind würde sich genauso blöd anstellen wie ich, da hätten sich ja zwei gefunden.“ Ja, es tat weh. Noch mehr als Kommentare wie diese war es die Enttäuschung über mich selbst.

Überall steht es geschrieben, auf Postern an den Wänden, auf den Flyern beim Frauenarzt: „Stillen ist Liebe.“„Stillen ist das Beste für Ihr Baby“ – der Umkehrschluss also sehr deutlich: „Fläschchen geben ist keine Liebe“ – „Alles andere als Stillen ist nicht das Beste für mein Baby“. Stillen gilt als Verkörperung der Mutterliebe schlechthin und ich fühlte mich schrecklich dieses Sinnbild nicht zu erfüllen. Monatelang. Nicht das mir dieser bloße Fakt schon weh genug tat, kamen Fragen wie: „Warum stillst du denn nicht?“ – so als wäre es mein Wunsch gewesen, dass das alles so gelaufen ist. Regelmäßig schossen mir bei diesen Fragen die Tränen in die Augen und ich schaute wortlos suchend im Raum umher, ohne die passenden Worte für eine Antwort zu finden.

Ich hatte Selbstzweifel. Sorgen. Ich war traurig, aber allen voran hatte ich selbst Fragen.

Fragen, wie zur Hölle das denn überhaupt funktioniert mit dem Fläschchen geben. Ich war auf diesen Fall absolut nicht vorbereitet. Hatte demnach auch überhaupt nichts zuhause oder mich jemals vorher mit der Materie auseinandergesetzt. Nachdem ich aus dem Krankenhaus entlassen wurde, führte mich mein direkter Weg in den Drogeriemarkt. Ich stand vor einem riesigen Regal mit Babynahrung und hatte keinen Schimmer, was all‘ diese Kennzeichnungen, wie „PRE“ „PRE HA“ „Antireflux“ „Formula“ „1“ „2“ oder „3“, denn überhaupt bedeuten sollten. Ganz zu schweigen von den ganzen unterschiedlichen Marken, Preisen und zusätzlichen Kennzeichnungen wie „DHA“, „Combiotik“, „GOS“, „LCP“, usw. Ich fühlte mich total hilflos. Was von diesem Sammelsurium war denn jetzt bitte nicht ganz so bescheiden für mein Baby?

Also rief ich eine Freundin an, von der ich wusste, dass sie damit Erfahrung hat. In meinem Körbchen landete dann eine PRE Nahrung, die sie auch benutzt hatte. Ich musste mich dabei komplett auf ihren Rat verlassen, denn im Krankenhaus bekam ich nicht mehr Information als „Da müssens‘ zum Bipa oder dm schaun‘, da gibt’s‘ eh alles.“ – auch in einem Internetforum, in dem ich um Hilfe geboten hatte, bekam ich ausschließlich Kommentare, die mir sagten, dass ich besser kein Baby bekommen hätte, wenn es mir schon zu viel sei es zu stillen. Oder sie fragten mich, warum ich schon aufgegeben hätte, denn man müsse einfach die Zähne zusammenbeißen wie sie, die auch mit blutigen Nippeln und unter Höllenqualen weiterstillen. Ich wäre einfach egoistisch. (Ich werde auch heute, Jahre später, leider immer noch Zeuge, wie viele Mütter in FB Gruppen oder Babyforen öffentlich beschimpft und beleidigt werden, dafür nicht zu stillen, wenn sie eigentlich um Hilfe bitten).

Leute ich kann euch nicht sagen, wie viel Fragen ich hatte und was für eine Angst sich mittlerweile entwickelt hatte diese zu stellen. Ich traute mich nur noch andere „Egoistinnen“ zu fragen, denn das war die einzige Personengruppe, die mich weder rügte noch vorwurfsvoll anschaute, wenn ich statt meinem Busen ein Fläschchen auspackte.

Diskriminiert per Gesetz

Heute sind bei uns Babydays. Das heißt sie bekommen -20% auf all‘ ihre Babyartikel. Nur auf die Säuglingsanfangsnahrung nicht. Die ist davon leider ausgenommen„, sagte die freundliche Verkäuferin an der Kasse während ich meine Einkäufe in den Kinderwagen räumte. Dabei kam ich ins Grübeln, denn tatsächlich hatte ich noch nie Werbung oder dergleichen für Säuglingsanfangsnahrung gesehen. Weder in Flyern, Prospekten oder im Fernsehen. Ich grübelte weiter. „Warum bekomme ich auf Windeln -20%, aber nicht auf das, was mein Kind am Leben hält, also seine Nahrung?“ 19,95€ – so viel kosten mich ungefähr 4 Tage, die mein Baby glucksend seine Nahrung schlürft. Das brachte mich zum Nachdenken. Also habe ich recherchiert.

Schnell landete ich dabei mit meiner Nase im Bundesgesetzbuch. Denn tatsächlich ist Werbung sowie Preisreduzierung von Säuglingsanfangsnahrung gesetzlich verboten. Mehr noch – dieses Gesetz soll dazu dienen das Stillen für Frauen attraktiver zu machen.

Stillen ist gratis (Ich sage absichtlich nicht kostenlos oder umsonst, da ich diese Wörter im Zusammenhang mit dem Stillen unangebracht empfinde) und hat immer einen finanziellen Vorteil, egal ob Säuglingsanfangsnahrung 19,95€ oder 15,96€ kostet (für VIER Tage bitte). Selbst, wenn ich auf jeden meiner Einkäufe 20% Rabatt bekommen würde, lägen die monatlichen Kosten allein für die Nahrung noch immer weit über 100€, dazu kommen noch weitere Kosten für Fläschchen, Reinigungsmaterialien, Strom, Wasserkocher, etc. (Die Zeit, die das alles nochmal kostet, nicht miteinkalkuliert).

Egal, wie viel es kostet mein Baby mit der Flasche zu ernähren, es ist IMMER ein finanzieller Mehraufwand gegenüber dem Stillen. Oder kennt zufällig von euch jemanden der sagt „Puh, ja also, wenn die Säuglingsanfangsnahrung 5€ weniger kosten würde, ja dann würd ich auch aufs Stillen verzichten.“ – nein natürlich nicht, denn das ist absurd. Es fühlt sich vielmehr an, als würde ich Einkauf für Einkauf ein zusätzliches Bußgeld zur eigentlichen Säuglingsanfangsnahrung bezahlen, als öffentliche Rüge dafür nicht von Anfang an gestillt zu haben. Den Frauen, die stillen wollen, nützt dieses Gesetz aber leider überhaupt nichts.

Was würde denn wirklich etwas bringen um die Stillrate zu steigern?

Denn mangeln tut es uns hier zu Lande definitiv nicht am Willen. Über 93% der Österreicherinnen wollen stillen!

Nach kurzer Zeit nimmt die Stillrate aber drastisch ab. Die WHO empfiehlt ausschließliches Stillen bis zum Alter von 6 Monaten. Tatsächlich wird zu diesem Zeitpunkt aber nur noch jedes 5. Kind, wie empfohlen, ausschließlich mit Muttermilch genährt.

An was liegt es denn dann, wenn nicht am Willen, den ja nachweislich die große Mehrheit der Österreicherinnen haben?

Es mangelt an der professionellen Begleitung, vor allem dann, wenn Stillschwierigkeiten auftreten, wie zB Probleme beim Anlegen, Brustentzündungen, Mütter das Gefühl haben ihre Babies werden nicht mehr satt, etc – um diese Probleme zu lösen, sollte jeder Mutter, die ihr Kind stillen möchte, eine professionelle Stillberatung zur Verfügung gestellt werden. Dabei sollte dieser Zugang über die Krankenkassen für die Mütter kostenlos und unbürokratisch sein. Ja richtig gelesen, kostenlos. Ich bin dafür, dass kein finanzieller Mehraufwand entstehen darf, wenn eine Mutter ihr Kind stillen will. Ich bin genauso dafür, dass eine Beratungsstelle für Mütter, die Säuglingsanfangsnahrung geben, generiert werden sollte. Denn auch diese Mütter, zu denen ich mich selbst zähle, haben Fragen und ein Recht darauf, dass diese fachlich und professionell beantwortet werden. Denn solange man gerügt wird, weil man anders nährt als zu stillen, trauen sich viele Mütter oft nicht ihre Fragen zu stellen und verlassen sich auf Mythen und Erfahrungswerte aus teils älteren Generationen, mit teils verheerenden Auswirkungen auf die gesundheitliche Zukunft der Kinder. So passiert es zB, dass Säuglinge mit 3 Monaten nicht mehr PRE Nahrung (die von der WHO empfohlen wird) bekommen, sondern bereits 2er Nahrung, weil die, lt. Freundin, das Baby wieder satt macht und sogar günstiger ist (hier gelten dann übrigens die 20% wieder – kleiner Irrwitz am Rande).

Statt Verboten, Tabus und Diskriminierung sollte man viel mehr auf Aufklärung, Informationen und Begleitung setzen, ganz egal ob Muttermilch oder Säuglingsanfangsnahrung, denn am meisten profitieren davon unsere Kinder.

Also, kommen wir zu der Frage, die ganz vielen vermutlich schon unter den Nägeln brennt.

Warum ich nicht stille

Ich hatte Probleme beim Anlegen meines Kindes und hätte Begleitung und Unterstützung gebraucht. Am besten 24/7 oder zumindest mehrmals täglich, über mehrere Wochen bis alles reibungslos klappt, ohne Kosten von mehreren hunderten oder gar tausenden Euro. Ohne Kommentare von Hebammen im KH „warum ich mich so blöd anstelle“ oder dass ich es „zu wenig will“, dann, ja dann hätte es vielleicht auch bei Kind Nummer 2 klappen können. Durch das Prozedere, abwertender Kommentare und steigendem Druck bei Kind 1 habe ich mich damit abgefunden, dass ich scheinbar zu blöd bin, mir ein dickeres Fell zugelegt und mich noch im Krankenhaus entschieden abzustillen, da das altbekannte Problem mit dem Anlegen in den letzten 4,5 Jahren komischerweise nicht von alleine verschwunden ist. Im Wochenbett wurde ich von einer Wahlhebamme betreut, ohne Stillschwierigkeiten (weil ich ja bereits im KH abgestillt hatte). Für die komplikationslose Nachbetreuung im Ausmaß von 4 Hausbesuchen bezahlte ich 290€. Ich hatte mich bereits zu Beginn der Schwangerschaft auf die Suche nach einer Kassen-Hebamme gemacht, aber selbst, wenn ich solch eine Rarität gefunden hätte, wären es immer noch zu wenig bezahlte Betreuungsstunden innerhalb der ersten Wochen gewesen, um mich beim Stillen sicher zu fühlen.

Für uns beide ist das eine Alternative mit der wir glücklich leben können. Nichts desto trotz bewundere ich stillende Mütter mehr denn je. Ertappe mich selbst immer wieder dabei, wie ich im Vorbeigehen einer Mutter zulächle, die gerade ihr Kind stillt, weil mich alleine der Anblick dieser Innigkeit zwischen Mutter und Kind glücklich macht. Heute sogar ohne den schmerzhaften Beigeschmack es nicht selbst geschafft zu haben. Ich habe mich mit ungefragten Kommentaren abgefunden. Abwertende Blicke und tuschelnde Leute sehe ich nicht mehr. Mein Fokus liegt allein bei meinem Baby. Rückblickend habe ich mich bei Kind 1 zu oft mit der Meinung meiner Umwelt beschäftigt und wie es andere wohl finden, wie ich mein Baby ernähre. Keine Frage – auch stillende Mütter müssen mit viel Verachtung und Negativem aus ihrer Umwelt umgehen a la „Entschuldigung ich esse hier, könnten Sie bitte Ihren Busen einpacken und am Klo stillen?“ oder „Waaaaas du stillst dein Kind mit einem Jahr immer noch?“, auch altbekannte und längst überholte Ratschläge, wie „Du darfst keine Zwiebeln essen, sonst bekommt dein Baby Bauchschmerzen“, kriegt man öfter als einem lieb ist zu hören.

Dieses Bild ist 2 Minuten nach Matheos erstem Atemzug entstanden. Das direkte Anlegen nach der Geburt hat nachweislich positive Auswirkungen auf die künftige Stillbeziehung zwischen Mutter und Kind.

Was wäre das nur für eine wunderbare Welt, in der jeder Mensch das Gefühl hätte akzeptiert und unterstützt zu werden. Stellt es euch einfach mal vor. Wie viel Wochenbettdepressionen blieben Müttern wohl erspart? Wie viele Tränen würden gar nicht erst fließen? Wie schön wäre es, wenn dir jemand deine Selbstzweifel mit den Worten „Du machst das so toll.“ einfach nehmen würde? JEDER von uns kann einen Beitrag gegen Mumbashing (ja, dafür gibt es sogar ein eigenes Wort) leisten. Es liegt an uns, an jedem Einzelnen. Und wenn es nur ist, nochmal kurz inne zu halten bevor man nach einem „Warum“ fragt und zu überlegen, ob die Antwort darauf tatsächlich so von Bedeutung für einen selbst ist. Denn mit ein bisschen Vertrauen können sich Mütter öffnen und erzählen meist von ganz allein.

Stillen ist Liebe – damit haben sie geworben. Und ja das stimmt auch.

Fläschchen geben ist Liebe – damit darf keiner werben, und ja, das stimmt auch.

Was sind eure Erfahrungen? Erkennt ihr euch in dem ein oder anderen wieder? Mich würde interessieren, wie hätte sich deine Stillbeziehung wohl entwickeln können, wenn du den Zugang zu kostenloser kompetenter Unterstützung gehabt hättest? Welche Fragen hast du dir gestellt und wer hat sie dir beantworten können?

Quellenangabe zu Studien, Empfehlungen und Gesetzestexten:

https://www.ots.at/presseaussendung/OTS_20070913_OTS0057/kdolsky-neue-studie-zum-thema-stillen-und-dem-ernaehrungsverhalten-von-saeuglingen

https://www.sozialministerium.at/Themen/Gesundheit/Eltern-und-Kind/Stillen-und-Beikost